
Buch I 1981
Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte, Linolschnitte, Lithographien 1965/1980
Mit einem Essay von Reinhard Müller-Mehlis
(Restbestände, bei Interesse bitte nachfragen)
Ernst Kößlinger - dieses Buch zeigt es - blieb durch all' die Jahre hindurch, in denen die Macharten der bildenden Kunst rascher wechselten als die Kleidermoden, ein sehr verlässlicher, genauer und guter Zeichner, Maler, Graphiker.
Dabei vertiefte er seine künstlerischen Erkenntnisse, ohne sich wandeln zu müssen. Seitdem er 1957 als Dozent an die Münchner Akademie für das Graphische Gewerbe kam und 1971 an die neu gegründete Fachhochschule berufen wurde, war er besonderen Belastungen und Vorteilen ausgesetzt. Er meisterte das eine wie das andere.
In den fünfziger und sechziger Jahren schuf Kößlinger eine Vielzahl vorzüglicher Plakate für das Münchner Stadtmuseum und die Städtische Galerie, für musikalische und stadtgeschichtliche Ereignisse, fürs Oktoberfest und die Auer Dult. Mehrmals erhielten seine Arbeiten das Prädikat des »monatsbesten« Plakats. Einer seiner Entwürfe für die Auer Dult wurde 15 Jahre lang verwendet - von 1958 bis 1973. Seine Fremdenverkehrs-Prospekte für die Stadt München waren vorbildlich. Doch die öffentliche Kunst der Plakat-Graphik erlitt erhebliche Einbußen. Heute gehören Kößlingers Plakate zu den wenigen Erfreulichkeiten dieser rar gewordenen Spezies an den Münchner Litfaßsäulen.
Kößlinger bemüht sich, den Anforderungen des Wettbewerbs einer technisierten, schablonisierten und künstlerisch verarmten Gebrauchsgraphik, die heute »Grafik-Design« heißt, durch seine eigene Lehrtätigkeit entgegenzuwirken. Die einzelnen Verfahren der Künstler-Druckgraphik werden von ihm immer wieder eindringlich vermittelt. Die Arbeit im eigenen Atelier bietet ihm die Freiheit der Persönlichen Entscheidung im Ausgleich vielfältiger Möglichkeiten.
Kößlinger war gefeit gegen eine der für Künstler argen und schleichenden Gefährdungen des Lehrberufs: in die Fehler zu verfallen, welche die Schüler selber machen. Er konzediert gerne und dankbar, dass die Besten unter seinen Schülern ihn stimulierten und damit bestätigten. Nicht der Wettbewerb des Handels und des öffentlichen Kulturbetriebs, der so manchen Künstler ruinierte, bot für Emst Kößlinger die entscheidenden Antriebskräfte. Aus sich selber heraus entfaltet er sich. Kößlinger bejaht die sinnlich wahrnehmbare, sichtbare, erfahrbare Welt in stets wacher, lebendiger Zuneigung und Neugier.
Er setzt sie gestalterisch ins Gleichnis - daraus erwächst seine Moral untrüglicher Qualität auch im Handwerklichen. So etwas teil sich mit, ohne der Ausdeutung zu bedürfen.
Kößlinger setzt sich stets dem persönlichen Erleben aus: dieser Notwendigkeit, das Gesehene zu bekennen, in Frage zu stellen, es kritisch zu überprüfen - um es in Strich und Farbe, in Form und Inhalt, in Fläche, Raum und Volumen zur immer noch gültigen Ehre des Kunstwerks zu erheben.
Dass dabei eine Distel vor den Gesteins-Formationen der Meteora-Landschaft Griechenlands die gleiche Schicksals-Qualität erhält wie ein Frauenporträt oder das faserig-graphische Erscheinungsbild zweier alter Menschen am Fenster - dies wohl hat Kößlinger nicht programmatisch beabsichtigt. Doch es »unterlief« ihm keineswegs so ohne weiteres und gegen alle Erfahrung.
Dazu sind die diffizilen Vorgänge des Machens und Vollendens solcher Werke viel zu langwierig und mühsam: einer stets genauen Überprüfung aller Zwischenzustände dringlich anheimgegeben. Es gilt in jedem selbst minimal erscheinenden Moment, die künstlerische Absicht in Einklang zu bringen mit den scheinbar grenzenlosen, doch stets gebundenen Chancen des Resultats. Zugeständnisse an menschliches Heiterkeitsverlangen sind ebenso zu erbringen wie die freudig stimmenden Merkmale des wiedererkennbaren Motivs - wieso auch nicht?
Wer es kann, darf’s tun: Paris am Quai der Seine in alten Quartieren; die erdige Toskana, wo sie ganz echt und gestalthaft ist; oder das uralte Delphi in den Resten des Apollon-Tempels, der Kleidermarkt bei San Lorenzo in Florenz, ein verwunschenes Garten-Idyll, ein paar Stengel verwelkter, abgefallener Blüten - alles schließlich besitzt die gleiche Qualität des Natürlichen, Lebendigen, das der Vergänglichkeit geweiht int.
Atmosphärisches durchdringt die spielerische Präzision des Strichs. Die klare Ordnung differenzierter Flächen und kompakter Strukturen gelingt ebenso scheinbar mühelos wie der Dschungel eines blühenden Bauerngartens. Der Rhythmus bestimmt den Komplex der Groß- und Kleinform. In seinen druckgraphischen Arbeiten liefert Kößlinger das konzise, konzentrierte Resultat seines Könnens.
Er liebt die tonigen, satten Farben: positive Hinweise auf Zustände des Übergangs, der Veränderung, der Vergänglichkeit. Die Umsetzung der Skizze und des zeichnerischen Entwurfs in die prägende Gravur und die Flächengestalt der Druckgraphik schafft eine Stabilität, die dem Moment die Dauer des Bildhaften vermittelt. Das Offene schließt sich. Strukturen von Fels und Küste, von Vegetation und Architektur werden auf eine gebundene, unaufdringliche Weise mitgeteilt: als die Dominanten des Graphischen.
Das Filigran des Zierrats und die Flächenordnung der Wände Venedigs erscheinen als eine Typographie unmerklich bewusster Harmonie - in feuchter Morbidezza. Die karge Rhön, das zugleich schroffe und liebliche Altmühltal, das feingestufte Positano, die „Alexanderschlacht der Hopfenstangen“ im Hügelland der Hallertau - alles offenbart eine jeweils spezifische Gestimmtheit. Die Platten dieser Drucke sind ausnahmslos Kößlingers eigene Arbeit, auch die Andrucke und Probezustände. Bei höheren, immer noch zumutbar geringen Auflagen bedient er sich der Perfektion des verständigen Druckers.
Alles geschieht in entschiedener Selbstverantwortung - ohne Dreinrede und Reglement. Die Bedingungen des Machens resultieren aus der Wahl des Verfahrens. Das Risiko hat Gesetze und Grenzen. Der Ausgleich vollzieht sich im Ergebnis nahezu unmerklich. Im Gelingen ereignet sich Selbstverständlichkeit.
Reinhard Müller-Mehlis (1981)

Buch II 2001
Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte, Linolschnitte, Aquarelle 1981-2000
Mit einem Essay von Andreas Strobl
(Restbestände, bei Interesse bitte nachfragen)
Es gibt Dinge, die so sehr zum Bestandteil der Umgebung geworden sind, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, warum sie da sind; man registriert nur mit Beruhigung, dass sie noch da sind. So geht es mir mit einer postkartengroßen Radierung von Ernst Kößlinger, die in den feinen Schwarz-Weiß-Linien dieser Technik die typischen Strukturen der toskanischen Landschaft Bei Chiusi zeigen - Ketten von Ölbäumen, die Lineaturen der Weinberge und von Zypressen umstandene Bauernhäuser. Sie hängt über meinem Schreibtisch und hin und wieder dringt der Blick in die Tiefe der Landschaft oder streift über graphische Struktur der Zeichnung. Daneben steht ein kleiner Farbholzschnitt mit einer tief verschneiten Winterlandschaft in zarten Violett- und Blautönen. Der Schnee verfremdet die Bäume und Hügel, schafft neue Formen. Auf den ersten Blick entstand so ein abstraktes Bild. Nur das Gestirn am oberen Bildrand Sonne oder Mond von Dunst gedämpft - gibt den Hinweis auf das Winterbild.
Im vorliegenden Buch sind nun Arbeiten Ernst Kößlingers aus den letzten zwanzig Jahren versammelt. 1980 hatte er bereits eine erste Bilanz seiner Arbeit gezogen. Für den Gebrauchsgraphiker Kößlinger - ein altertümliches Wort für einen sich immer schneller verändernden Beruf, der sich heute Kommunikationsdesigner nennt - war es immer selbstverständlich auch frei zu arbeiten. Das heißt, ohne Ansprüche eines Auftraggebers und frei von Vorgaben der Herstellungsbedingungen, die ja bis hin zur Farbwahl definiert sein können, ehe der »Kreative« dann eingreifen darf. Am Rande sei doch darauf hingewiesen, dass es auch einmal lohnend wäre, diese »unfreie« Arbeit Ernst Kößlingers gesammelt zu sehen. Auch wenn Werbung wohl grundsätzlich ein kurzlebiges Geschäft wäre, ist in seinem Falle zu erleben, dass diese Arbeiten ein Bild ihrer Zeit spiegeln. Es ist also auch ein Rückblick auf vierzig Jahre Werbegeschichte zu entdecken.
In den letzten beiden Jahrzehnten trat an die Stelle dieser Arbeit zunehmend das Engagement für die Gestaltung von Briefmarken. In detailreicher Arbeit entstand eine Vielzahl von Entwürfen zu den ausgelobten Themen, die sich dann im Iandesweiten Wettbewerb erst gegen die Konkurrenz durchsetzen mussten. Einige Beispiele sind hier abgebildet und man wird wie in einer Zeitreise auf Motive stoßen, an die man sich plötzlich wieder gut erinnern kann, hat man sie doch des öfteren in Händen gehabt - und im Zweifelsfalle abgeleckt und auf Briefe geklebt. Ernst Kößlingers Erfolg in diesem Bereich dokumentiert sich schlicht in der Anzahl der gewonnenen Wettbewerbe und dass eine Marke sogar von einer internationalen Jury zur schönsten europäischen Marke des Jahres gewählt wurde.
Ein Thema, das man schon aus seinem ersten Buch kennen kann, sind die spontan, vor dem oft unwissenden Modell entstandenen Portraitskizzen. Meist hat Ernst Kößlinger die Prominenten bei offiziellen Anlässen beobachtet und in handtellergroßen Skizzen das Charakteristische ihrer Physiognomie umrissen. Es sind kleine, lebendige Dokumente entstanden, die durch die Signatur des Konterfeiten, der wohl nicht wenig über dieses freundliche Attentat gestaunt haben mag, noch einen besonderen Reiz gewinnen.
Wie ein Jäger auf die Pirsch zu gehen oder wie ein Sammler mit offenen Augen durch die Gegend zu streifen, das ist eine künstlerische Haltung, die über Jahrhunderte die europäische Kunst prägte. In Zeiten introvertierter, gegenstandsloser Kunst oder der Beschäftigung mit den bereits vorhandenen Bildern der Warenwelt, mag dies ein altertümliches, eben ein konservatives Verfahren der Bildfindung sein. Aber hat es deswegen seine Berechtigung verloren? Hinausgehen, verreisen, Motive suchen, das alles ist die Vorfreude der Arbeit, die sich mit dieser traditionellen Suche nach Motiven vor Ort verbindet. Es entstanden zahllose Skizzen und Studien, kurze Notizen und durchgearbeitete Zeichnungen, die etwa mit dem Einsatz von Buntstiften schon das Aussehen der späteren Druckgraphik andeuten. Der handwerkliche Aspekt der traditionellen graphischen Techniken ist ein wesentlicher Teil der Arbeit von Ernst Kößlinger. Er beherrscht die Techniken, wie kaum noch einer - Radierung, Lithographie und Holzschnitt, aber auch zum Beispiel ebenso eigentümliche wie reizvolle Techniken wie Linolschnitte mit »verlorener Platte«, bei denen die Entstehung der Farb-schichten, die Zerstörung der Druckplatte bedeutet. Abgesehen davon, dass diese Beherrschung nicht Selbstzweck ist, sondern es ihm ermöglicht alle Finessen der Technik für seine Bilder zu nutzen, sind die Schritte der Überarbeitung, die mit der Drucktechnik verbunden sind, ein wesentlicher Bestandteil der Bilder, die sich aus den Linien und Farbschichten aufbauen.
Neue Länder konnte der Künstler auf Reisen der letzten beiden Jahrzehnte für sich entdecken, deren Motive der nun vorliegenden Auswahl neue Aspekte hinzufügen. Neben dem Athos, der mit seiner eigenartigen Kombination der Steilküsten, der Klöster und der wild wuchernden Natur spannende Bilder liefert, waren dies die Türkei, Marokko und Bali. Manch kuriose Beobachtung konnte unterwegs gemacht werden, wie etwa das übereinander gestaffelte Leben in einem marokkanischen Dorf, das in der ungewöhnlichen Perspektive noch einen Hauch des orientalischen Geheimnisses enthält, das uns Mitteleuropäer seit langem fasziniert. In den hier abgebildeten Landschaften kann man aber auch die Strukturen wiederentdecken, die Ernst Kößlinger seit jeher beschäftigen. Die Farbkombinationen der Landschaft, die vom Klima und Wechsel der Jahreszeiten geprägt wird, die graphischen Strukturen der Felder und Bäume, der Erde und der Steine. Eine Landschaft aus Bali erinnert mich an die Strukturen der Toskana, die über meinem Schreibtisch hängen. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man die Unterschiede in der Kombination der Farben, die Varianten der Formen, mit denen die tropische Landschaft charakterisiert wird.
Daneben wuchs eine Reihe von Arbeiten zu einer neuen Gruppe phantastischer Bildwelten heran. Wie ein verzaubertes Wesen aus dem Märchen wird zum Beispiel eine im Kellerschacht gefangene Kröte portraitiert. Frauenkörper bilden eine Landschaft. Diese Faszination für das Traum- und Märchenhafte - für das Reisen im Kopf sozusagen - zeigt sich auch in einigen Bilderfolgen, die als Buchillustrationen erschienen oder für solche geplant sind. Seit Beginn der Buchkunst in Europa gibt es die Symbiose von Schrift und Bild. In dieser Verbindung von Schrift, Bild und Papier, der »surrealen« Kombination von Real- und Phantasiegestalten entstehen Kunstwerke für Augen und Hände. Neu hinzugekommen sind in den letzten Jahren eine wachsende Reihe von Miniaturen, bei denen aus Fundstücken und Abfällen durch Überarbeitungen - oft nur wenige Eingriffe Figuren und Landschaften imaginiert werden können.
Der »bildersammelnde« Graphiker hat also auch in den zurückliegenden Jahrzehnten wieder reiche Beute machen können. Von dem Reiz der graphischen Techniken geben die vorliegenden Reproduktionen einen Eindruck. Es sei aber allen, die die Originale nicht kennen, versichert, dass diese erst die hier mit Worten notdürftig umschriebenen subtilen Reize vermitteln können.
Andreas Strobl (2001)

Buch III 2003
Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte, Linolschnitte, Lithographien, Aquarelle, Gouachen 1945-1964
Plakate, Prospekte 1945-1975
Mit einem Essay von Volker Duvigneau
(Restbestände, bei Interesse bitte nachfragen)
… und das Letzte wird das Erste sein, könnte man in Abwandlung des neutestamentlichen Zitats versucht sein zu sagen, wenn nun mit dem dritten Band die Werkübersicht Ernst Kößlingers abgeschlossen vorliegt. Denn eigentlich wäre dieser Band der Erste der Folge, obwohl zuletzt entstanden.
Und er birgt Erstaunliches: Zum einen lässt er den Mut des Künstlers erkennen, auch frühe Arbeiten und - natürlich noch tastende Versuche in verschiedenen graphischen Techniken in seine Oeuvreübersicht einzubeziehen. Zum anderen bringt Kößlinger uns Bilder wieder zum Bewusstsein, die für Ältere eine erinnernde, für Jüngere eine dokumentarisch sehr eindringliche Wirkung hervorrufen.
Es sind Zeichnungen und Linolschnitte der kriegszerstörten Heimatstadt des Künstlers, in die er nach Krieg und Gefangenschaft zurückkehrte. Stadtbilder, Ruinenbilder von schroffer Dramatik und trotz allen Grauens von ästhetischem Reiz. Die damals schon seit reichlich hundert Jahren so apostrophierte »Kunststadt München«, nun ein Trümmerhaufen, von vielen Künstlern gezeichnet und gemalt, von Fotografen aufgenommen, von Schriftstellern beschrieben. Trümmerjahre und Wiederaufbau. Wie durch ein Wunder stehen die erhalten gebliebenen Frauentürme, das Wahrzeichen der Stadt, über den Schuttbergen.
Damals, in diesen Jahren der Entbehrung und des Hungers war nicht nur der erschütternde Zustand der Heimatstadt Anlass und Aufforderung ihn so festzuhalten, auch Museen forderten Künstler zu Einsendungen auf und veranstalteten Ausstellungen dieser Bilder. Durch die Ankäufe verständnisvoller und zeitoffener Direktoren wurde vielen über den schlimmen Alltag geholfen, auch Ernst Kößlinger.
Es hatte sie in München, wie auch in anderen Städten, schon immer gegeben: Die Zunft der »Stadtzeichner«. Ohne sie wüssten wir heute nicht soviel über den damaligen Zustand. Die Ruinenzeit, der Wiederaufbau und sogar die Wandlung zur »autogerechten« Welt- und Millionenstadt in den sechziger und siebziger Jahren wurde von Zeichnern begleitet. Ernst Kößlinger steht hier neben Kollegen wie Fritz Haid, Wolfgang Niesner, Ernst Oberle, Bert Mallad, Medard Varsåny oder Arthur Vögel, um nur einige von vielen zu nennen.
Fast unvorstellbar heute die Idylle der letzten Herbergen in der Au, die fast dörfliche Bescheidenheit am Nymphenburger Kanal, die spätere (erste!) Fußgängerzone am Platzl noch mit Autoverkehr und am Ende gar der sehr konzentrierte Farblinolschnitt vom Altmühltal vor seiner Verschandelung zum Main-Donau-Kanal.
Überraschend die noch unter dem Einfluss des Lehrers Eduard Ege entstandenen Linolschnitte des jungen Künstlers: »Kriegserinnerungen«, aus denen das kurz zuvor Erlebte und Erlittene spricht, Buchillustrationen noch in der großen Tradition der Vorkriegszeit.
Auch diese Auswahl zeigt, wie in den anderen Bänden, wie sehr dem Künstler die Reisebilder am Herz liegen. Gewiss ist er sich der nicht risikofreien Möglichkeit bewusst, zwischen dem gefälligen Motiv des touristischen Blickes und der durch individuelles Erleben geprägten Landschaft zu entscheiden. Auch die gewählte graphische Technik tut ein übriges dazu; die Reduktion auf das schwarze Strichgefüge bei »Positano« (1960) ermöglicht paradoxerweise eine Erweiterung der räumlichen und auch farblichen Vorstellungen der Phantasie. In gewollt trister (fast-) Monochromie rottet das skelettierte Fischerboot in der »Lagune von Venedig« (um 1964) vor sich hin, ein memento mori auch für die außerhalb des Bildfeldes befindliche, motivfreigiebige »Serenissima«.
Wenn wir uns auf den letzten Bildseiten befinden, die chronologische Treppe bis 1964 emporgestiegen sind und uns am Ende wähnen, kommt noch eine Überraschung in Gestalt eines kleinen Sonderkapitels, welches dann einen leuchtenden, ja strahlenden Abschluss des Bandes bildet: Die Plakate und Prospekte, kurzum Reklamekunst, hier bis zum Jahr 1975 reichend. Ernst Kößlinger fußt in diesen gebrauchsgraphischen Arbeiten auf einer (bedenkt man die Entstehungszeit der meisten Arbeiten vor rund fünfzig Jahren), damals noch relativ jungen Tradition: Dem Selbstbewusstsein des künstlerischen Berufszweiges »Gebrauchsgraphiker«, der sich erst ab den zwanziger Jahren von seinen »Zieheltern«, der freien Malerei und der Architektur zu emanzipieren beginnt. München gehörte damals zu den bedeutenden Standorten in Deutschland, und Namen wie Fritz Helmut Ehmcke, Paul Renner, Henry Ehlers, Eduard Ege und Georg Trump (die beide zu Kößlingers Lehrern zählten), Hermann Virl und Eugen M. Cordier machten dem neuen, einem universellen Arbeitsgebiet verpflichteten Berufsstand Ehre.
Erst das gute Zusammenspiel in dem Dreiecksverhältnis Künstler-Auftraggeber-Druckerei bedingt die aussagestarken und den Rezipienten - sei es der eilige Passant an der Litfaßsäule oder der ruhigere Leser irgendwo unterwegs - befriedigenden Lösungen. Hier hat Ernst Kößlinger Vortreffliches geleistet, Lustig-Unverkrampftes auch (Faschingsprospekt 1972) und zwei seiner langjährigen Auftraggeber in München, dem Fremdenverkehrsamt und dem Stadtmuseum ist die Bindung des Künstlers an die Institution und diesem wiederum die Einfühlung in die gestellte Aufgabe bei Wahrung des eigenen Profils sehr sehr oft in idealer Weise gelungen. Der dritte Punkt, die Druckereien, besonders die lithographischen Kunstanstalten, haben seit Senefelders Zeiten in München Tradition, setzten und setzen hohe Qualitätsmaßstäbe, welche sich auch in den Notzeiten nach den Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts trotz schlechten Papiers und mangelnder Farben bewährt haben.
Der zweite Band endet mit einer schönen Auswahl aus dem gegenwärtig wohl bevorzugten Arbeitsgebiet Ernst Kößlingers, den Briefmarken. Postwertzeichen und Banknoten sind, für jeden zugänglich und unverzichtbar, die populärsten Gebrauchsgraphiken in unbegrenzter Auflage. Man könnte kein besseres Argument für die notwendige Existenz des Gebrauchsgraphikers oder modern: Grafik-Designers und die Dringlichkeit der Nachwuchsförderung, die auch Ernst Kößlingers Lebensaufgabe wurde, anführen.
Volker Duvigneau (2003)